Appropriation – qu’est-ce que c’est?

Unlängst erschien ein Album einer Hamburger Künstlerin, bei dem mich der Zusammenhang von Titel und Inhalt zum Denken brachte. Das passiert selten – im Grunde sind die Namen von Neuveröffentlichungen immer nur ein paar mehr Bäume im Wald aus Zeichen und Verweisen. Deren Koordinaten lohnt es sich für zukünftige Gespräche in Konzertpausen zu merken, mehr aber auch nicht. Hinter jener Platte, von der ich rede, soll allerdings ein Konzept stecken, dass sich im Titel manifestiert. Dieser Titel enthält zudem das gewaltige Wort »Power«. Man kann es sich schon denken, es handelt sich um »The Power Of Appropriation« von Frau Kraushaar und Herrn Kratzer. Allein: wo versteckt sich bei diesem Album die Kraft und die Kunst der Appropriation?

via Materie Records

Frau Kraushaar denkt bei ihrem Werk an den Kraftakt kultureller  Aneignung und verweist auf die Appropriation Art von Warhol, auf die Transformationen, die Musikstücke durchlaufen, die nach und nach zu Volksmusik werden. Es leuchtet ein, warum diese Wandlungsprozesse als Kraftakt begriffen werden können. Und es ist interessant zu hören, auf wieviele unterschiedliche Interpretationen einzelner Titel Frau Kraushaar bei der Recherche für ihr Album gestoßen ist, wie sich bei all diesen verschiedenen Stücken bestimmte Gesten der Popmusik wiederholen, wie Stereotypen wie die Wilden, die Bösen, die Sauberen immer wieder konstruiert werden, unabhängig von Zeit und Ort.

Jedoch: hört man sich »The Power Of Appropriation« an oder besucht man ein Konzert von Frau Kraushaar, bekommt man herzlich wenig mit von den Kräften und Mächten, denen die Chansons und Volkslieder auf ihrer Reise ins Jahr 2012 ausgesetzt wurden.  Man erfährt weder viel von deren Ursprüngen, noch von der Geschichte ihrer Verwendung. Daher stellt sich die Frage: was macht sie zu Appropriation Art, was unterscheidet sie vom Cover?

Cindy Sherman: Untitled (#197), 1989 (Via The Pulitzer Foundation for the Arts)

Appropriation bedeutet zunächst nichts weiter als Aneignung – etwas aus dessen ursprünglichen Kontext aufgreifen und sich zu eigen machen, d.h es in neue Zusammenhänge eingliedern. Dieses »Etwas« kann alles mögliche sein – die polynesische Lei, die während Fußball-EM oder -WM zur schwarz-rot-goldenen »Hawaii-Kette« wird, oder der Federkopfschmuck der Cheyenne, umgedeutet zum »exotischen« i-Tüpfelchen vom Partyoutfit. Bei diesen Beispielen kann man durchaus von Kraftakten der Aneignung sprechen – kulturelle Artefakte werden zum modernen Accessoire, ungeachtet ihrer eigentlichen Bedeutung. Doch das nur nebenbei – Appropriation in Kunst und Musik sieht nuancenreicher aus. Im Kunstkontext, in dem u.a. auch Frau Kraushaar ihr Album sieht, tritt zum Beispiel Cindy Sherman ins Blickfeld. Sherman verwandelte sich mit ihren »History Portraits« in die Statistinnen und Statisten auf den Werken sogenannter »Alter Meister« und zeigte, dass Stereotypen in jeder Epoche der Kunstgeschichte ihren Platz haben. Neuer Kontext, neue Bedeutung.

Wendet man die Idee von Appropriation auf Musik an, landet man eher beim Sample als beim Cover. Covern allein bringt nicht immer Reibung mit sich, oft ist ein Cover einfach nur eine schöne Kopie eines älteren Liedes. Bei der Arbeit mit Samplen stellt man Musikstück neben Musikstück – so entsteht beinah automatisch ein Widerspruch, ein innovativer Bedeutungszusammenhang. So geschehen z.B. 1981 bei »My Life In The Bush Of Ghosts« von Talking Heads-Mastermind David Byrne: das, was man bis dato als Rock begriff, wurde aufgebrochen von Samples aus ägyptischer Popmusik oder Aufnahmen traditioneller libanesischer Gesänge. Durch diese popmusikalische Eingliederung von Folklore wird der Folklore ihr anderer, ihr fremder, ja, um nicht zu sagen, ihr  »exotischer« Charakter genommen.

Covert man allerdings traditionelle Musik und kopiert man die dazugehörigen Gesten wird aus Aneignung schnell Klischeeisierung. Behält man das charmante Bühnenlächeln und die kokettierenden Armbewegungen bei, die so gut zu einem Lied wie »Istanbul Konstantinople« passen, fehlt irgendwie der Platz für neue Deutungen und Bedeutungen. Eine eingeblendete Europa-Flagge macht allein keinen umwerfenden Verweis auf aktuelle Politik. Wenn ein Lied 49 Jahre nach Aufführung in einem israelischen Fernsehstudio plötzlich von Frau Kraushaar und Band in einem hiesigen Indieclub gespielt wird, sorgt das für Stimmung, aber nicht für Diskussion. Neuinterpretation gleich Aneignung gleich »The Power Of Appropriation«?

Für mich fehlt hier das Kraftvolle, das, was die Auswahl an Liedern in neue Kontexte wirft. Zusätzlich wird mein Blick getrübt von dem Eindruck, dass Klischees von »fremden Kulturen« wiederholt werden, ohne dass dabei Reibung entsteht. Vom Albumcover schaut mich eine Frau an, die sich mithilfe von bunten Tüchern und einer Monobraue als Frida Kahlo verkleidet hat. Aha, denkt man, und ruft »Cindy Sherman! Hab ich doch erkannt.« – aber warum erstreckt sich diese Herangehensweise nicht auf’s Musikalische? Wird der Begriff »Appropriation« womöglich jetzt appropriiert und zum schönen neuen Wort für »Wir haben da mal was gecovert.«? Bitte nicht. Da ist doch definitiv Platz für ein Spiel mit Stereotypen und Rollen, für Ecken in neuen Kontexten. Der sollte 2012 nicht leer bleiben.

Unsere Gastautorin Luise ist mit ihrer Ankunft in Berlin im Fegefeuer zwischen Projektorganisation, Bandbooking und Musikjournalismus gelandet. Immer unterwegs um keine der stadtbewegenden Konzerte, Filme, Neueröffnungen und all der Dinge dazwischen zu verpassen, berichtet sie für Affekt vom Kulturleben in der Hauptstadt und über deren Grenzen hinaus.

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