
Liegst du mit dem Kopf auf der Theke, steckst du mit den Füßen fest in den wahnsinnigen Pfützen des Alltags und ist dir das Geld für den Rückfahrschein in die Lücke zwischen Zug und Bahnsteinkante gefallen? Oder hast du Stress mit den allgemein bekannten Idioten, das Aufstehen satt und ein neues letztes Hemd wäre auch mal dringend nötig? Das an allen Fronten wirkende Gegenmittel habe ich leider nicht, aber ich kenne ein paar Herren, die dich verstehen und dich einige Meter aus der Misere rausziehen können. Sie haben einen Namen: das sind Superpunk.
Affekt hat den fünf Männern von Geschmack bereits die Abschiedsehre erwiesen, doch das hält mich nicht davon ab, diese Kolumne zur schamlosen Liebesbekundung zu verwenden. Denn: die Band verabschiedet sich nach rund 15 Jahren, die voll an gerissenen Alben, berauschenden Konzerten, gewieften Videos, reißenden Soul-Jams, empörten Schreien und aufmunternden Worten waren. 15 Jahre lang hattest du mit Superpunk in den schwierigen Situationen des Lebens immer jemanden an deiner Seite – sei es auf dem Heimweg nach einer durchzechten Nacht oder am Morgen danach – und jetzt bleibt dir nur noch, an die Macht der Erinnerung zu glauben.
Als Superpunk Mitte der 90er einen Anfang nahm, waren sie noch meilenweit entfernt von der gut funktionierenden Truppe raffinierter Musiker, die ihr Herz zu gleichen Teilen an Soul, Punk und Pop-Referenzen vergeben haben. Damals eine chaotische Truppe, die von Konzert zu Konzert ohne Aufregung die Besetzung wechselte (und dabei aus mehr als 10 Mitwirkenden wählen konnte) und entsprechend zerstörerische Auftritte lieferte, mussten Superpunk erst mächtig Überzeugungsarbeit leisten, um sich auch auf Platte Gehör zu verschaffen. Doch spätestens, als neben dem genialen Thies Mynther auch Tim Jürgens 1997 den Weg zur Band findet, hat die Runde ihre unverbesserliche Form erreicht und ist auf dem schnurgeraden Weg, Herzen und Beine im Sturm zu erobern.
Zwei Jahre später erscheint das erste Album »A bisserl was geht immer« auf Fidel Bastro und es braucht noch weitere zwei Jahre und einige biergeschwängerte Nächte mit Carol von Rautenkranz ehe das fulminante »Wasser Marsch!« auf L’age d’or erscheint. Spätestens mit den ausgekoppelten Singles wird klar, dass Carsten, Lars, Thies, Thorsten und Tim auch vortreffliche Filmemacher und Kegler sind. Ein zweite Karriere quasi, deren Höhepunkte die Videos zu »Bitte verlass mich« und das Frühwerk »Ich kann nicht nein sagen« sind.
Bands aus dem anglophonen Sprachraum und auch aus heimischen Gefilden eroberten mein Herz gar viele, doch keine vermochte es, von Anfang an so lang zu bleiben wie Superpunk. Das, obwohl ich mit 15 noch nicht mal Spaß am Biertrinken hatte, und statt Frust noch unberührter Weltschmerz mein Grundübel der blöden Tage war. Es mag daran liegen, dass Superpunk mit keiner prolligen Zeile vertuschen können, dass ihre Seelen aus Gold und ihre Plattenregale auch aus gutem Stoff sind. Und verzwickter als den Schlachtruf »Ein kleines bisschen Seele jetzt!« möchte man Ärger und Verzweiflung gar nicht formuliert haben.
Neben dem Talent, diese hochgradig komplizierten Emotionen ohne falsche Scham auf den Punkt zu bringen, haben Superpunk ein Faible für würdevolles Schulterklopfen in 3-Minuten-Hit-Form, zum Beispiel so »Wenn die Nordsee dich ruft und das Messer dich zu schneiden versucht / hör auf dich zu quälen, du kannst auf mich zählen.« Und zollen in geschätzt jedem zweiten Lied ihren Helden aus Musik und Fußball Tribut, durch geschickte Referenzen und ehrlich gute Cover – die 2002 erschienene Single mit Discokrachern wie »Right Back Where We Started From« und »You Didn’t Have To Be So Nice« ist da glänzendes Paradebeispiel.
Wer nun auch ein bisschen ins Bier weint (oder in die Limo, das ist bestimmt auch okay), kann den Schmerz vielleicht mit einer Konzertkarte lindern. Danach helfen exzessiver Videogenuss und der Kauf des Live-CD/DVD-Doppels »Können Sie das groß machen bitte?!«. Das bietet neben Konzertmitschnitten auch Diashow und Tourepisoden, die die Liebe für diese Band immer wieder auf’s Neue entflammen lassen. Bleibt noch zu sagen: Danke Superpunk, ihr wart und bleibt großartige Halunken, Lebensretter und Musiker.
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Superpunk
Unsere Gastautorin Luise ist mit ihrer Ankunft in Berlin im Fegefeuer zwischen Projektorganisation, Bandbooking und Musikjournalismus gelandet. Immer unterwegs um keine der stadtbewegenden Konzerte, Filme, Neueröffnungen und all der Dinge dazwischen zu verpassen, berichtet sie für Affekt vom Kulturleben in der Hauptstadt und über deren Grenzen hinaus.

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