Heute erscheint der neue Roman »Imperium« des Schweizer Literaten Christian Kracht. Bedauerlicher Weise war es unserem Kolumnisten und Kracht-Anhänger Elias unmöglich vorab ein Exemplar zu ergattern und an dieser Stelle und zu diesem Moment eine Rezension zu verfassen – aus Gründen.

Die glücklichen Feuilletonisten der Leitmedien, die bereits Exemplare vom Verlag erhalten hatten, sind sich uneins. Von Rassismus ist da die Rede, »Türsteher der rechten Gedanken« wird er genannt. Kracht wird verdammt, Kracht wird bejubelt.

Aufgrund der oben ausführlich genannten Umstände blickt Elias nun auf drei ältere Werke Krachts zurück: »Ich werde hier sein im Sonnenschein und Schatten«, »1979« und auf die Sammlung »Tristesse Royale«. Dies sind nur drei von vielen Gründen, warum sich Elias auf »Imperium« freut. Jedem, dem die Schriften Krachts nicht bekannt sind, seinen diese Publikationen anempfohlen.

Foto: Kiepenheuer & Witsch

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten
Ein Roman der die Geschichte Europas neu erfindet – düster und poetisch

Lenin ist nie in der Sowjetunion angekommen, stattdessen ist er Architekt einer Schweizer Sowjetrepublik. Die Eidgenossen regieren weite Teile der Welt und schreiben Geschichte – kompromisslos, kommunistisch und technokratisch. Seit 96 Jahren wird Krieg gegen den deutsch-englischen Faschismus geführt – der Frieden ist ein Fremdwort, eine Utopie. Das Herz der Alpenrepublik ist das »Réduit«, eine scheinbar unbezwingbare Festung aus Stahl und Beton tief in den Felsen der Berge. Die Soldaten kommen aus dem von der Schweiz kolonialisierten Afrika. Die heutige Supermacht Amerika heißt Amexiko und spielt in vollkommener Selbstisolation maximal eine Statistenrolle.

In dieser fiktiven Welt spielt Krachts neuer Roman, der wohl umstrittenste unter den diesjährigen Herbstnovitäten. Der geschaffene Kosmos ist lebensfeindlich und seine Bewohner dem Wahn ihrer Zeit verfallen. Jede Form der Kultur ist den Menschen entweder abhanden gekommen oder existiert nur noch in verkümmerter und pervertierter Form. Unser Protagonist ist schwarzafrikanischer Offizier, gedrillt auf einer schweizerischen Militärakademie und nun unterwegs im Auftrage seiner Zentralregierung. Er hat nur ein Ziel: Das konterrevolutionäre »Element« Brazhinsky ist zu verhaften.

Die fiebrigen Erinnerungen an die eigene Vergangenheit vermischen sich mit der Gegenwart der SSR – Kracht schreibt im Präsens und schafft den Konjunktiv ab. So entsteht ein Roman der für sich stehen muss und doch eine Hommage an Orwell, Jünger, Conrad oder Harris ist. Dieses Buch wird man nicht nur einmal lesen

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1979
Die totale Selbstvernichtung – Eine Reise von Teheran, Tibet bis nach China

Christian Kracht war mein Autor 2008 und es ist mehr als richtig ihm hier mehr Platz einzuräumen. Nach »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten« möchte man sich nun mit dem großartigen Roman »1979« befassen. 2001 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen gerne auch mal, ob einer angeblich fehlenden Substanz verissen, hat mich dieses Buch – nun als dtv-Taschenbuch zu haben – ungemein beeindruckt.

Zwei Männer, viel mehr doch ein schwules Paar, in der Hauptstadt eines Landes, dass eine der größten, wenn nicht die größte Revolution des 20. Jahrhunderts erlebt. Der von seiner Beziehung und sich selbst völlig angewiderte und doch so handzahme Ich-Erzähler zieht uns hinein in einen Strudel aus Dekadenz und bürgerlichem Überfluss. Der Norden Teherans ist das Beverly Hills dieser Metropole. Hier finden wir uns nun wieder – inmitten einer orgiastischen Feierei, deren Höhepunkt das völlige »ausser-Kontrolle-geraten« des Freundes unseres Protagonisten ist. Hernach geht es rapide bergab, natürlich nur im übertragenen Sinne, denn eigentlich geht es nun erst bergan. Dem Abstieg in die dunklen Gassen Teherans folgt eine Sinnsuche in Tibet und die Selbstauflösung in einem chinesischen Arbeitslager.

Christian Kracht findet dieses, sein eigenes Buch kitischig. Gelacht hätte er bisweilen über das was er da aufgeschrieben habe. Ja, es ist manchmal kitschig bis zur Erbarmungslosigkeit und gleichzeitig muss es das sein. Ansonsten würde man an der Tatsache, dass Kracht Dinge die wir teilweise nur schemenhaft wahrnehmen, gestochen scharf darstellen kann, zerbrechen. 1979 ist ein Stück deutsche Literaturgeschichte.

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Tristesse Royale – Das popkulturelle Quintett
Fünf Männer in einer Suite des Berliner Adlon zwischen Wahnwitz und Nüchternheit: Joachim Bessing, Christian Kracht, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg und Benjamin von Stuckrad-Barre

Beginnen wir mit einer Formulierung, wie sie das Quintett sicher diskutiert hätte: Tristesse Royale ist name-dropping vom Feinsten. Die Autoren Bessing, Kracht, Nickel, von Schönburg und von Stuckrad-Barre sind keine eingeschworene Clikke, aber doch haben sie eine große Gemeinsamkeit. Sie gehören ein und der selben Generation an.

Sie wollen ein Sittengemälde zeichnen, jedenfalls schaut so der Plan aus. Und so resümmierte die Süddeutsche Zeitung 1999, dass in diesem Buch mehr Debatte steckt, als in einem ganzjährigen Abo der ZEIT. Ob es entstehen wird und wie das Sittenbild schlußendlich aussieht, dass darf der geneige Leser selbst entscheiden.

Tristesse Royale ist vor zehn Jahren in die Auslagen der Buchhandlungen gekommen. Dieses Buch ist kein Roman, es ist eine Diskussion der fünf Autoren unter dem Dach des Berliner Traditionshauses Adlon. Die Atmosphäre ist spürbar, die Kritik am Konsumwahn bissig und die Kommentare bisweilen voller Sarkasmus.

Letztlich stelle ich fest, dass wir hier nicht nur ein Manifest der Kracht’schen Generation vorliegen haben, sondern ebenso eines der Folgegenerationen. Dieses Buch hat mich fraglos geprägt.

Unser Gastautor Elias Honert arbeitet seit einigen Jahren als Buchhändler in Hamburg und äußert sich auf seinem Blog krisenzeit & sonnenschein zu ihm relevant und zwingend erscheinenden Themen.

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2 comments so far

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  1. christian kracht ist großartig. ich stimme elias zu. faserland ist eins meiner liebsten Bücher überhaupt.

  2. Ich versteh nicht, warum alle Kracht so toll finden. Hat mich nie umgehauen.

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