
Die erste Musikkolumne des Jahres 2013 widme ich der Compact Cassette, die in diesem Jahr ein rundes Jubiläum feiert. Im August 1963 stellten die niederländischen Technikpioniere von Philips eben dieses Format mitsamt dem ersten Kassettenrekorder im Reiseformat, dem EL3300, auf der Berliner Rundfunkmesse vor. Seitdem sind 50 Jahre vergangen, und trotz einiger harter Konkurrenten ist die Kassette nach all der Zeit nicht vom Markt verschwunden.
Zuerst sah es so aus, als würde das Format die Schallplatte ablösen. Wurden in einer Ausgabe der Zeit 1976 Schwarzmaler zitiert, die für den Anfang der achtziger Jahre »die letzten Tage der Schallplatte« prophezeiten, so sicherte ein Spiegel-Artikel von 1977 bereits der Kassette ihren Sieg zu. Denn im Jahr zuvor waren erstmals mehr MCs als LPs abgesetzt worden, zum größten Teil Leerkassetten (und zwar 100 Millionen!), auf die für »ganze Klassen« Schallplatten kopiert oder Programme aus dem Radio aufgenommen wurden. Damals fand die erste große Urheberrechtsdebatte statt, und bis heute kann man schwer für derartige Raubkopien belangt werden. Im Hinblick auf die heutige Problematik liest sich der Artikel übrigens überaus amüsant. Der Autor schließt mit folgendem Satz ab:
»Und immer mehr Leerkassetten kommen auf den Markt. Eine klanglose Zukunft ist das Menetekel. Wenn die Musikindustrie ihre wirtschaftlichen Probleme heute und morgen nicht zu lösen vermag, wird es übermorgen bei aller Super-Technik kaum mehr produzierte Musik geben, die überspielt werden kann.«

Home Taping Is Killing Music – Foto: http://www.flickr.com/photos/wicho/
Dennoch, ganz so erfolgreich blieb die Kassette leider nicht. Mit zunehmender Rauscharmut, herrlichem Stereoklang und praktischem Format trat bald die CD ihren Siegeszug an, später folgten die weiteren bekannten Formate. Und so wurde das letzte Auto mit Tapedeck, ein Lexus, vor zwei Jahren gebaut. Sony hat im gleichen Jahr die Produktion von Walkmans gestoppt. Und es heißt, die letzte Fabrik, die noch Kassetten produziere, sei irgendwo in Südamerika. Sogar die Kompaktausgabe vom »Oxford English Dictionary« strich im letzten Sommer das Wort »cassette tape« aus ihrer Liste.
Doch bei Media Markt, Saturn und auf den Merch-Tischen gänzlich unantiker Bands finden sich die rechteckigen Plastikgehäuse mit Magnetbändern immer noch. Es gab eine Riesenzunahme an Labels, die sich teils oder gänzlich dem alten Medium verschrieben haben. Dazu gehören das zwischen Psych- und Synth-Sounds pendelnde Not Not Fun, die Lo-Fi-Fraktion von Burger Records und das Woodsist-Sublabel Fuck It Tapes, auf dem unter anderem Peaking Lights und Wavves veröffentlicht haben. Und es gibt noch viele mehr – hier findet sich eine Liste mit beinah 100 weiteren Labels. Von 2010 auf 2011 soll der Verkauf von Musikkassetten in den USA um 46% zugenommen haben.
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