Reden über Film

Normalerweise schreibe ich hier über Film und Filme. Heute wird aber nicht geschrieben, denn: Wir müssen reden. Setzen wir uns also hin, greifen zu den Keksen, nippen am Tee und reden über Filme. Oder lassen reden. Podcasts eignen sich dafür ganz außergewöhnlich gut.

Flüchtiger als die geschriebene Kritik, dafür persönlicher; häufig gehen sie in die Breite und bleiben oberflächlich, andererseits überraschen sie mit hellsichtigen Einfällen. Einige ähneln eher einer Show – oder einem »Beitrag« wie wir Freunde des Rundfunks es auch nennen – mit aufgeteilten Rollen, Positionen und Gegenpositionen, andere wiederum drücken die Aufnahmetaste, und wir können ihnen beim Denken zuhören. Hinter manchen Mikros sitzen Pros, hinter anderen Amateure – Hosts dürfen sie sich alle nennen. Man kann die Sendungen dank Anroid/Itunes abonnieren, Archive mit einer zum Teil lächerlich hohen Anzahl an Sendungen durchstöbern (Filmspotting feierte gerade seine 400.(!!) Sendung), nachhören, wiederhören, weghören. Stundenlanges Lauschen. Film-Podcast – ich weiß nicht mehr, wie mein Leben vor dir aussah. Zeit hier mal ein paar vorzustellen: Ein kleiner Streifzug durchs Podcastiverse. Habt ihr auch noch welche? Freue mich über Empfehlungen.

Filmspotting | Länge: 1 Stunde | erscheint meist donnerstags
Einer der am längsten laufenden Podcasts über Film. Seit März 2005 ist Filmspotting wöchentlich auf Sendung. Die Co-Hosts haben über die Jahre gewechselt, Adam Kempenaar ist dabei geblieben. Manchmal etwas sehr gediegen, folgt die Show einem eingespielten Ablauf mit regelmäßigen Rubriken wie »Massacre Theatre«, bei dem Adam und sein Co-Host eine kurze Szene aus einem Film nachspielen. Die Hörer dürfen mit raten, das hat etwas herrlich Betuliches. Außerdem gibt es neben Filmbesprechungen jede Woche eine neue Top-5 zu allen nur erdenklichen Themen.
Zum Probehören sei die 400. Sendung vorgeschlagen, die ausnahmsweise live vor Publikum aufgenommen wurde. Zu Gast sind Michael Phillips von der Chicago Tribune und Dana Stevens von Slate.com.

Sound on Sight | Länge: 45 – 120 Min | erscheint unregelmäßig
Die Diskussionen sind hier freier: Sound on Sight wird von einer Gruppe kanadischer Filmstudenten betrieben, die mit ihrem Sound on Sight Radio derweil auch schon bei Folge 327 angekommen sind. Haben ein Faible für Double- oder Triple-Features. So wird nicht nur »Moonrise Kingdom« besprochen, sondern auch »Harold and Maude«, oder »Prometheus« und »Alien«, oder »Marthy Marca May Marlene« und »Afterschool«, oder »The Avengers« und »Serenity«. Dann aber auch mal eine Folge nur Otto Preminger. Die Hosts Ricky D, Simon und Justine möchte man regelmäßig entweder umarmen oder schütteln. Häufig geht es naiv drauf los, manchmal verstricken sie sich. Es wird gestritten, diskutiert und begeistert behauptet. Unbedingt zu empfehlen. Vielleicht mein Liebster.  »Sordid Cinema« ist ihre Reihe zu abseitigen Genre- und Horrorfilmen. Am besten sind sie, wenn sie gerade vom Fantasia Filmfest oder vom TIFF berichten.
Zum Probehören sei, etwas wahllos, die 313. Sendung vorgeschlagen, besprochen werden »The Hunger Games« und »Battle Royale«.

Pop Culture Happy Hour | Länge: ca. 45 Min | erscheint jeden Freitag
Als Teil vom NPR besprechen Linda Holmes, Trey Graham, Stephen Thompson, Glen Weldon und Mike Katzif stets gutgelaunt im weitesten Sinne popkulturelle Themen. Zum Beispiel Dokumentarfilme und Videospiele in: Of True Tales, Fantasy Adventures And Happy-Making Things. Der ultimative Soundtrack für Abwasch und Wohnungsputz.

The Slashfilmcast | Länge: ca. 90 Min | erscheint jeden Montag
Deutlich nerdiger als z. B. Filmspotting pflegen Dave und seine Co-Hosts Devindra und Adam dafür einen sehr viel spontaneren Habitus. Zum Teil spannende Diskussionen, zum Teil unvorstellbar nervtötend – das hängt sehr vom besprochenen Film ab. Meistens geht es ihnen um die Frage, ob ein Film funktioniert. Am besten sind sie deshalb, wenn sie Blockbuster sezieren dürfen. Und nebenbei immer gut informiert, was nutzlos-notwendige Hollywood-News angeht. Die drei starten mit eher assoziativen Berichten über die von ihnen zuletzt gesehenen Filme, sprechen dann über eben erwähnte News und bereden meist recht ausführlich einen aktuellen Film. Manchmal mit Gästen.
Zum Probehören sei die 161. Sendung  vorgeschlagen, besprochen wird »Drive«. Zu Gast ist Tasha Robinson vom A.V. Club.

Battleship Pretension | Länge: 60 – 150 Minuten | erscheint unregelmäßig
Filmpodcast für Fortgeschrittene: Mit einfachsten Mitteln produziert, führen Tyler Smith und David Bax regelmäßig gewissenhafte Filmgespräche zu einem frei gewählten Thema, z. B. über Moralizing in Folge 268. Es wird abgeschweift, gegrübelt, gerungen und gelacht.

Der Rest im Schnelldurchlauf. Wir spulen vor:
Filmspotting Streaming Video Unit: Erster Spin-Off von Filmspotting mit Matt Singer und Alison Willmore, die früher den leider eingegangen IFC News Podcast gemacht haben. Dass es dabei eigentlich nur um Filme geht, die zurzeit bei Netflix, Hulu, Amazon etc. als Stream angeboten werden ist egal, wenn die zwei nur weiter über Film reden.
Slate’s Spoiler Special: Die Filmtalkrunde von Slate.com. Ein Film wird besprochen und gnadenlos gespoilert.
Criterion Cast: Wie der Name schon andeutet, es werden ausschließlich Veröffentlichungen der Criterion Collection besprochen. Das soll es auch noch von den Warner-Archive-Veröffentlichungen geben. Das müsste mal jemand nachschauen.
Reject Radio: Gehört zum Filmblog »Film School Rejects« und macht gerne auch mal spezielleres Zeug. Zum Beispiel ein Interview mit Sleepy Skunk, der alles Material zusammengeschnitten hat, das vor Start des neuen Spider-Man-Films weltweit von Sony zur Promotion genutzt wurde. Das Ergebnis ist ein 25-Minütiger Film, der die Vermarktungspolitik amerikanischer Filmstudios infrage stellt. Also in diesem Sinne spezieller.
KCRW’s The Treatment & The Business: The Treatment ist eine sehr gute Interviewsendung von Elvis Mitchell. Z. B. hier im Gespräch mit David Cronenberg. The Business versucht sich ernsthaft an Showbizz und Hollywood-News, z. B. wenn sie über das Geschäftsmodell vom Fernsehsender FX und Louis C.K.s  »Louie« berichten.

Unser Gastautor Jan-Eike schreibt über Film und Filme, unter anderem für das OPAK-Magazin. Affekt bereichert er seit Juli mit einer monatlichen Kolumne zum Thema.

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