Vom Battlen der Angst

Die Angst, einen Text anzufangen, treibt einen an verschiedenste reale und virtuelle Ecken. Da sich in der Wirklichkeit noch mehr Ängste verstecken, zum Beispiel die aus dem bunten Blumenstrauß Zukunft, hängt man gern an Plätzen ab, an denen einen niemand mit einem Bier an desillusionierte Unterhaltungen zu Lohnarbeit und Zahnzusatzversicherung binden kann. Viel angenehmer ist doch das unverbindliche Wort und so verlegen sich allerlei Gespräche von der Bar zu Facebook und in Kommentarleisten. Was ändert das beispielsweise an unsere Kommunikation in puncto Musik? So einiges!

Foto: »St. Elmo’s Fire« / Columbia Pictures

Die folgende Beobachtung stützt sich auf Eindrücke aus einem popmusikaffinen Freundes- und Bekanntenkreis innerhalb weniger Jahre und kann daher gut und gerne angegriffen werden: mit dem vereinfachten Zugang zu Alben und Liedern verschiedenster Künstlerinnen und Künstler sinkt das Bedürfnis, sich über die Vielzahl von Neuerscheinungen auszutauschen. War „Hast du schon das neue Album von xy gehört?“ noch zu Ende der Schulzeit ein Spruch, mit dem man in der Mittagspause auf dem Weg zum Supermarkt punkten konnte, bekommt man darauf heute ein „Nee, aber lad mir das doch mal hoch.“ zu hören, dass der verbalen Manifestation eines Schulterzuckens gleichkommt.

Längst ist das Entdecken von Musik eine weitaus unaufregendere Angelegenheit geworden. Das macht man halt so und findet dies und jenes, unabhängig vom Veröffentlichungsdatum; die Strafverfolgung fürchtete man irgendwann auch nicht mehr. Musikmagazine erkannten das und reduzierten ihre Rezensionen auf Dreizeiler für eine überschaubare Auswahl von Neuerscheinungen oder einige Zeichen für wenige Platten. Die persönliche Meinung einzelner Redakteurinnen und Redakteure wurde von ihrem mal mehr mal weniger bescheidenen Sockel gestützt und findet nun verdrängt in Kaffeeküchen und in den letzten Checkergesprächen an den Theken deiner Stadt statt.

Diejenigen, die über Pop schreiben, waren schon immer für das Vergleichen zuständig, müssen nun allerdings fast alle Kraft dazu aufwenden, aus dem Satzkasten der Querverbindungen die passenden herauszusuchen bzw. zu googlen. Klar, „Klingt wie …“ ist schon immer da gewesen, nun klingt allerdings jede Rezension wie ein „Siehe auch …“. Ich meine, das wirkt sich auch auf meine Freundinnen und Freunde aus: man greift zu, wo man zugreifen kann, nimmt mit, was man mitnehmen kann – wohlgemerkt völlig zurecht – und beschränkt die Empfehlung von neu Entdecktem auf „Hier, hör dir das mal an, klingt geil und irgendwie so Garage 60er, aber 2012.“ Ja, und warum hörst du das? Manchmal nur um des Entdeckens Willen, um das Mitkommen, das Dranbleiben, das Aufsaugen von Wissen. Hat man nur ein bisschen Interesse an Musik, gilt das offensichtlicherweise für Neues wie Altes. Dank Spotify kann man sich noch viel leichter und vergnüglicher durch Unmengen von Musikgeschichte durcharbeiten. Diese Massenverfügbarkeit macht ohnmächtig, wahlweise bescheiden.

Wenn ich das Oeuvre von Band 1—5 noch nicht kenne, wie soll ich dann über Band 121 urteilen, die – wie alle wissen – von den anderen fünf beeinflusst wurde? Jetzt, da Redaktionen nicht mehr das Privileg haben, informierter als ihre LeserInnen zu sein, werden wir erschlagen von der Fülle, die sich da draußen ständig vermehrt. Innehalten und überschwänglich einer Band zu huldigen fällt da manchen schwer. Ohne das Gegenteil von Beschleunigung in den Mund zu nehmen, sage ich: von mir aus darf die Bescheidenheit gerne weg und das unprofessionelle Checkergespräch wieder aufleben. Weg mit dem Drang nach Informationen, her mit den Emotionen an der Theke. Das Gespräch über Musik darf gern über Links und „Schau mal, superinteressante Sache!“ hinausgehen und auf so einige unschön grelle Blumensträuße treten. Die sind nämlich sowieso unnötiger Tand am Bartisch und werden in den meisten Fällen eingeraucht.

Unsere Gastautorin Luise ist mit ihrer Ankunft in Berlin im Fegefeuer zwischen Projektorganisation, Bandbooking und Musikjournalismus gelandet. Immer unterwegs um keine der stadtbewegenden Konzerte, Filme, Neueröffnungen und all der Dinge dazwischen zu verpassen, berichtet sie für Affekt vom Kulturleben in der Hauptstadt und über deren Grenzen hinaus.

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1 Kommentar

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  1. Es könnte natürlich auch einfach sein, dass sich anteilig gesehen mehr Menschen am Ausstausch von und damit, siehe Facebook, gleichzeitig über Musik beteiligen, wodurch es scheint, all sei sie die Unterhaltung abgeflacht.

    Ansonsten finde ich, unabhängig davon, dass sich viele Schreibende gefälligst mehr Mühe geben könnte, gar nicht so schlimm, wenn Neuescheinungen nicht mehr per se und automatisch anhörenswert, weil eben neu sind, ebenso kann Wertschätzung ja alten Bands entgegengebracht werden. Nur Wertschätzung sollte es eben sein.

    Und oft scheint es klug, mit dem Hören neuer Album ein wenig zu warten… ich mag gerne Sachen von vor einem Jahr entdecken, ich muss nicht immer up to date sein, es reicht mir, das Werkeln der Bands zu verfolgen, die ich bereits lieb gewann und dabei gespannt zu bleiben, wen ich denn noch, oft eben überraschend und ein Jahr später, lieb gewinnen werde. Die ganze Tagespolitik in Musikzeitschrift ist mir eh oft zu öde und substanzlos.