02.02.
2010

Das deutsch-schweizerische Theater-,Performance- und Hörspiel-Projekt Rimini Protokoll ist an diesem Wochenende mit dem Stück »Black Tie« zu Gast auf Kampnagel. Die Künstlergruppe ist dafür bekannt, nicht mit professionellen Schauspielern in einer Rolle, sondern mit ‘echten Menschen‘, Personen mit Biografie, zu arbeiten und diese im Rahmen ihres Dokumentartheaters zu thematisieren. So steht bei »Black Tie«, das bereits 2008 in Berlin uraufgeführt wurde, die gebürtige Koreanerin Miriam Yung Min Stein im Mittelpunkt, die von einer deutschen Familie adoptiert wurde und die das Stück beim Zusammensammeln und -fügen der Puzzlesteine ihrer Biografie begleitet.

Für die Zeit vor dem ersten Dokument hat sie von der Adoptionsvermittlungsstelle nur die mythische Information: »Du wurdest in Südkorea 1977 in einer Schachtel gefunden, umhüllt von Zeitungspapier.«
Für »Black Tie« spuckt Miriam Yung Min Stein in ein Röhrchen der Firma 23andMe, macht einen Backenabstrich mit dem »genom-collector« der Firma DeCODEme und wartet auf die Teilsequenzierungen ihres Genoms durch die beiden Marktführer. Einer der beiden empfängt sie auf der Webseite, die ihre genetischen Daten preisgeben, mit dem Slogan »welcome to you«. Der eigene ‚Bauplan’, eine Biografie? – Wie erzählt man die eigene Geschichte, wenn wie im Fall Steins ihre Aufzeichnung erst mit der Ankunft auf einem deutschen Flughafen beginnen kann?

»Black Tie« kreist um das schwarze Loch der Herkunft, um die befremdlich-beredte Hilfsindustrie der jungen Humangenetik dieser Tage und das Befremden zwischen Umwelt und mir – in Osnabrück hineinzuwachsen in einen Körper, der koreanisch wirkt, der ein ganzes Land, einen Krieg, eine andere Kultur wie in einer verschlossenen Kapsel mit sich herumträgt, unbekannt, sprachlos – ein potentieller Ort, Fluchtpunkt, Traumfabrik.

Adoption, anonyme Samenspende, Weihnachtspakete für Waisenkinder – kennen die guten Menschen die wachsenden schwarzen Löcher, die ihr guter Wille auch erzeugt? Was wäre, wenn jede internationale Hilfe gestoppt werden würde? Wie könnte den Helfern geholfen werden, die süchtig werden Gutes zu tun und dafür ihren gerechten Dank erwarten? Und was stand in der Zeitung, in die das Baby gewickelt war, 1977 in Südkorea?

Die Premiere von »Black Tie« auf Kampnagel findet am Donnerstag, den 4. Februar um 20 Uhr statt. Weitere Termine sind für den 5. und 6. Februar, ebenfalls um 20 Uhr angesetzt. Die Karten kosten zwischen 8€ und 17€, es sind aber leider nur noch wenige verfügbar.

Im April wird »Black Tie« im Rahmen des PAZZ Festivals in Oldenburg erneut aufgeführt. Weitere aktuelle Termine anderer Stücke von Rimini Protokoll, zum Beispiel »Sicherheitskonferenz« in München oder »Heuschrecken« in Berlin, finden sich auf der Website.

Links
Rimini Protokoll
Kampnagel

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1 Kommentar

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  1. Letztes Jahr in Wien gesehen und für sehr gut befunden. Daher guter Hinweis!

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