Affekt — Blog für Kultur und Relevantes - Part 8
Foto: Screenshot

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Einen wunderhübschen Kurzfilm hat Eva Bienert gedreht. Für »Der verlorene Mann oder die Suche nach Sinn« hat sich die Studentin für Kostümbild an der HAW Hamburg von »Die Frau in den Dünen« des japanischen Schriftstellers Kobo Abe inspirieren lassen. Der Film handelt von einem Insektensammler, der in der surrealen Welt der Frau in den Dünen, zu sich selbst findet. Seine innere Veränderung wird durch sein sich wandelndes Kostüm sichtbar gemacht.

Als Kostümdesignerin befasse ich mich schon länger mit dem Prozess der Kostümveränderung als Sinnbild für Verwandlung. Für mich ist dafür das Medium Film eine reizvolle Ausdrucksform. Neben Theaterinszenierungen und Musikvideos, ist aktuell dieser Kurzfilm entstanden.

Dass Eva Bienert fantastische Kostüme kreiert, bewies sie bereits in dem Video zu »Our Charms« der Band Me Succeeds.

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Eva Bienert

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»Weltbühne« mit Tino Hanekamp und Sven Regener

Sven Regener und Tino Hanekamp

Sven Regener und Tino Hanekamp

Tino Hanekamp reanimiert die Weltbühne. Zwar nicht in Form seines kleinen Clubs am Hamburger Nobistor, dessen Niedergang zum Jahresende 2005 Hanekamp in seinem Roman »So was von da« literarisch aufbereitet hat, sondern mit einem neuen Interview-TV-Format für 3sat. In jeweils 30 Minuten trifft der Autor und Uebel&Gefährlich-Betreiber »Menschen, die was zu sagen haben« und plaudert mit ihnen – so die Ankündigung – gänzlich spontan und unscripted.

In der Pilotfolge, die in der Nacht zu Donnerstag ausgestrahlt wird, trifft Tino Hanekamp in Berlin auf Sven Regener, seines Zeichens unter anderem Sänger bei Element of Crime und Schöpfer von »Herr Lehmann« - einer, der die Dinge gern beim Namen nennt. Bleibt abzuwarten, was vom Geplänkel unter Kumpels, das hier stattzufinden scheint, letztlich an Mehrwert für den Zuschauer bleibt. Aber zumindest der Trailer kann sich schon mal sehen lassen.

»Weltbühne«
Tino Hanekamp trifft Menschen, die was zu sagen haben
Termine der Pilotfolge mit Sven Regener:
In der Nacht vom 13. auf den 14. März 2013, um 0.55 Uhr (3sat)
17. März 2013, um 22.30 Uhr (ZDFkultur)

Link
»Weltbühne« bei 3sat.de
Nachtrag: Die erste Folge in der 3sat-Mediathek

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David Vann »Dreck«

David Vann »Dreck«Es dauerte zwölf Jahre bis David Vann einen Verlag für seinen Debütroman »Im Schatten des Vaters« fand. In dieser Zeit arbeitete er als Bootsbauer und fuhr zur See – ein furchtbar romantisches Bild das die sicherlich eher karge Realität abbildet. So empfand ich auch einige Szenen in Vanns aktuellem Roman »Dreck«, der eben bei Suhrkamp in deutscher Sprache erschienen ist. Die Gabe, furchtbare Geschichten in ästhetische Worte zu fassen, beschert dem Autor einen nachhaltigen Erfolg.

Auf einer recht abgeschiedenen Walnussplantage in Kalifornien lebt der zweiundzwanzigjährige Galen. Sein Vater ist ihm gänzlich unbekannt, seine Mutter dafür umso präsenter. Mit ihrer Überfürsorglichkeit treibt sie ihren Sohn zur Weißglut. In der Konsequenz will er eigentlich nur fort – dem tristen Alltag, der erbarmungslosen Hitze, all dem Schmutz und Schweiss entkommen und ein eigenes Leben beginnen. Er will das College besuchen, die Freiheit haben zu reisen, um endlich die ganze Welt erfahren zu können. Obwohl Mutter und Sohn, den Resten eines Familienvermögens sei Dank, nicht in Armut leben müssen, bleibt ihm dieser Schritt verwehrt. Statt trotzdem aufzubrechen und selbstständig den Unwägbarkeiten des Lebens zu begegnen, bleibt Galen lieber im kühlen Schatten eines Baumes sitzen und lässt sich eiskalte Orangenlimonade und akkurat belegte Sandwiches reichen. Ein hassender Pascha und Mann-Ersatz, der fortan einem Abgrund entgegen taumelt.

Er liest Carlos Castaneda, entwickelt bei der Lektüre von Khalil Gibrans »Der Prophet« Hochgefühle und versinkt in den Seiten von »Die Möwe Jonathan«. Immer dem Transzendenten auf der Spur flüchtet sich Galen in Askese und Versuche tiefer Meditation. Nicht nur die Scheinheiligkeit der häuslichen Idylle oder die regelmäßigen Besuche bei der im Pflegeheim wohnenden Großmutter und gemeinsame Familienausflüge in die Wälder Kaliforniens empfindet er als störend, sondern auch seinen als weltliches Laster empfundenen Sexualtrieb. Galens siebzehnjährige Cousine Jennifer weiß um ihre diesbezügliche Macht über ihn, lebt sie mit teils sadistischen Übergriffen aus. Es ist diese Beziehung, die in einem traumatischen Bild gipfelt und als Auftakt einer fortwährenden Eskalation der weiteren Geschehnisse zu betrachten ist. Die Abgründigkeit, mit der David Vann in »Dreck« spielt, ist beeindruckend und beklemmend zugleich. Sein von nahezu eindeutig paranoiden Gedanken getriebener Protagonist wähnt sich auf dem Pfad der Erleuchtung, verstrickt sich dabei jedoch in einen archaischen Wettstreit.

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Drag, Disco und Hi-NRG – zum 25. Todestag von Divine

Am heutigen Tag vor 25 Jahren starb der Musiker und Schauspieler Divine. Divine war Drag Queen und gleichwohl Kunstfigur, wurde als solche allerdings selten wahrgenommen. Harris Glenn Milstead, der im Körper dieser Figur steckte, hatte sich zeitlebens darüber beklagt, immer eins zu eins als die Verkleidete gesehen zu werden, die er spielte.

Divine / via freekmagazine.com

Divine / via freekmagazine.com

Das mag daran gelegen haben, dass Kultregisseur und Namensgeber John Waters ihn fast ausschließlich für eben dieses Rollenschema in seinen Trash-Filmen engagierte. Sei es in »Pink Flamingos«, dem Film, der Waters und Divine ein großes Maß an Aufmerksamkeit verschaffte, in »Female Trouble« oder in »Hairspray«, Divines letztem Film mit dem Regisseur. Seine Rollen setzten dem geläufigen Bild von Drag Queens die Krone der Übertreibung auf. Übertreibung nicht durch Perfektion des Aussehens, sondern durch die starke Hervorhebung von Makeln, ohne dass die Performance der weiblichen Identität darunter litt. Im Trailer von »Female Trouble« ist dies wunderbar zu sehen.

Bei den Musikerinnen und Musikern 70er Jahren kam »Drag« in Teilen groß an. In Teilen daher, weil es damals weniger um Gender-Bending in Form von Verkleidung ging. Vielmehr gelangte androgynes beziehungsweise effeminiertes Auftreten in den Mainstream. Dafür stehen Glam Rock, David Bowie und beispielsweise die Ästhetik von Boy George oder Annie Lennox in den 80ern.

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»Monsters of Spex« mit Messer, Trümmer und Zucker

via facebook.com/monstersofspex

via facebook.com/monstersofspex

Beim »Monsters of Spex«-Debüt 1991 spielten keine geringeren als Sonic Youth, Nirvana und Dinosaur Jr. in Köln auf, und auch bei den Festivals Mitte der Nuller Jahre bewies man mit Bands wie den YeahYeahYeahs, Phoenix und Arcade Fire stets ein gutes Booking-Händchen. Dass die Reihe zuletzt im Dornröschenschlaf ruhte – unbegreiflich. Aber umso besser, dass man sich entschieden hat, sie im März 2013 zu reanimieren.

An den kommenden beiden Wochenenden touren unter der »Monsters of Spex«-Flagge drei junge deutschsprachige Bands durch die Republik, von denen man bisher zwar wenig gehört hat, aber über die man derzeit am meisten spricht: Messer, Trümmer und Zucker.

messer

Messer

Messer aus Münster haben nach den Stücken ihres Demotapes und einer ersten Single im vergangenen Jahr ihr Debütalbum »Im Schwindel« veröffentlicht. Referenzen kann man viele nennen; von Fehlfarben und den Goldenen Zitronen bis NEU! und Can ist alles schon gefallen. Ein eigenes Bild kann man sich anhand des im Dezember erschienenen Videso zu »Was man sich selbst verspricht« machen.

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Work in Progress 2013

Work in Progress

Wir freuen uns, in diesem Jahr Medienpartner von »Work in Progress« zu sein, dem Kongress zur Zukunft der Arbeit.

Die Arbeitswelt befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Sie wird kommunikativer, vernetzter und komplexer als jemals zuvor. Bereits zum zweiten Mal findet am 28. Februar und 1. März 2013 der Kongress »Work in Progress – Strategien für die Arbeitswelt von morgen« auf Kampnagel statt. Kreative Praktiker sowie Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kunst stellen Ansätze vor, wie mit den Wirkungen des Wandels umgegangen und auf diese reagiert werden kann.

In diesem Jahr stehen insbesondere neue Formen der Zusammenarbeit im Mittelpunkt der Vorträge, Podiumsdiskussionen und Workshops. Die Keynote wird am 1. März der amerikanische Soziologe Richard Sennett zum Thema »The Craft of Cooperation« halten. Beim gemeinsamen Produzieren in sogenannten »Fab Labs«, durch neue Konsumformen des Teilens oder beim Lernen in Open Source-Umgebungen zeigt sich: Die neue Arbeitswelt ist kollaborativ. Dies zieht neue Management- und Organisationsformen nach sich und verändert das individuelle Verständnis von Arbeit. Berufsbilder werden vielfältiger, die Grenzen zwischen Arbeit und Leben verschwimmen. Die Planbarkeit nimmt ab, die Gestaltungsfreiheiten werden größer.

In weiteren Beiträgen wird Gesa Ziemer, Professorin für Kulturtheorie und kulturelle Praxis an der Hafencity Universität, in ihrem Vortrag und mit Filmausschnitten die Strategie der »Komplizenschaft« erläutern. Prof. Stephan A. Jansen, Gründungspräsident und Geschäftsführer der Zeppelin Universität in Friedrichshafen, wird seine Vorstellungen von einer »Bildung der Zukunft« mit den Besuchern praktizieren.

Der amerikanische Soziologe Richard Sennett

Der amerikanische Soziologe Richard Sennett

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Lester Up Your Life – Das Kino von Richard L.

Als ich zum ersten Mal bewusst einen Film von Richard Lester gesehen habe, war es ähnlich wie zum ersten Mal Sonic Youth hören: Oh ja, da ist was Gutes, aber das wird noch überlagert. Ein Ausdruck, dem man sich annähern möchte, weil er zu einem spricht. Etwas, das man bald gut kennen möchte. Und etwas, das bisher gefehlt hat.

Ich weiß meistens nicht, warum jetzt. Wieso ausgerechnet jetzt Lester? Keine Ahnung, mit Lester befindet man sich auf jeden Fall nicht in im  Zentrum irgendeiner Debatte, und vielleicht reicht das ja schon – der Schnatterfaktor um Richard Lester ist relativ gering. Ihn umweht eher Stille. Bei Sonic Youth und mir war das ähnlich: Sie waren eigentlich vorbei, als ich anfing, sie gut zu finden, aber sie waren auch noch nicht vorbei genug, um wiederentdeckt zu werden. Lester war und ist so vorbei, wie einer der vielen öden fünften Beatles nur vorbei sein kann: Nie richtig weg, aber bestimmt auch nicht ganz da.

Immer dabei: Eine von vielen, vielen Nonnen

Richard Lester ist gebürtiger Amerikaner, begann seine Karriere aber im britischen Live-Fernsehen. Das Interesse fürs Kino kam wegen der Möglichkeit eines zweiten Takes, wie er selbst sagt. Den Kurzfilm »The Running Jumping & Standing Still Film« (1960) drehte er mit Freunden (z.B. Peter Sellers) eigentlich nur, um sich mit der Filmkamera vertraut zu machen, aber, hey, es waren die Sechziger, und er bekam eine Oscar-Nominierung. Über diesen Kurzfilm wurden die Beatles auf ihn aufmerksam und sie engagierten ihn für »A Hard Day’s Night« (1964), dank dem Lester nachträglich zum Erfinder des Musikvideos erklärt wurde. Eine für ihn zweifelhafte Ehre, der er sich bis heute tapfer widersetzt. Denn obwohl seine Filme vor krudem Humor teilweise übersprühen – der Mann meint es bitterernst.

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Beyoncé – Girl Power evolved

Der Super Bowl ist in Amerika aus drei Gründen eines der größten Events der Staaten. Dass es sich dabei um das Finale der 1. American-Football-Liga handelt, ist vielleicht der kleinste davon. Großes Interesse gilt den Werbeblöcken, in denen 30 Sekunden schonmal 4 Millionen Dollar kosten können, und zuvorderst der fulminanten Halftime-Show, die in jedem Jahr von einem bis einer Reihe von Star/s bestritten wird. Vor 1991 war das noch nicht so, bis zu dem Jahr unterhielten Marschkapellen in der Halbzeit. Dann wurden im Rahmen einer beängstigenden Disney-Show New Kids On The Block gebucht, und mit dem Auftritt von Michael Jackson 1993 war klar: Der Super Bowl und Pop, die hätten schon immer ein Paar sein müssen.

Das wurde am Sonntag ein weiteres Mal belegt, als Beyoncé knapp 14 Minuten lang allen zeigte, was für ein umwerfender Mensch sie ist. Mit dabei hatte sie eine beeindruckende Choreographie, die auf gute Weise furchteinflößend statt schlicht sexy war und ihre All-Woman-Band Suga Mama. Die Resonanz auf dieses Konzert war wie zu erwarten groß und reichte von allerlei negativem Feedback, teilweise rassistischer Natur, über Erschütterung ob ihrer Freizügigkeit bis zu Anerkennung, Begeisterung, Jubel und Verzückung. Soweit nichts Neues.

Neben dem Online-Gerede über vermeintlich unvorteilhafte Fotos, die von Beyoncé während der Show gemacht wurden – Buzzfeed veröffentlichte »The 33 Fiercest Moments From Beyoncé’s Halftime Show« und das PR-Team der Musikerin bat ums Löschen dieser Bilder – bekam ein seit Jahren diskutiertes Thema neuen Schwung: Ist Beyoncé ein beeindruckendes, fortschrittliches Vorbild für Frauen in der Öffentlichkeit, insbesondere im Popgeschäft, oder reproduziert sie wie viele andere Stars altbekannte Klischees von gutem Aussehen und aufreizendem Auftreten und garniert diese lediglich am Rand mit der Forderung nach starken Frauen?

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Fynn Steiner Superstar im Interview

Fynn Steiner / Foto: Robin Hinsch

Als Teil des Hamburger Künstlerkollektivs »Krautzungen« sind einzelne Arbeiten von Fynn Steiner regelmäßig im Rahmen der von der Gruppe organisierten Kunstfestivals zu sehen, auf Papier, Leinwand oder Bühne. Im Februar widmet sich nun erstmals eine umfassende Einzelausstellung dem Gesamtkunstwerk »Fynn Steiner Superstar« und vereint seine Arbeiten aus den unterschiedlichen Bereichen. Wir haben mit Fynn Steiner über seine Arbeit und die aktuelle Ausstellung »Magnificent Dreams« gesprochen.

Fynn, du bist Superstar. Dennoch kennen dich noch nicht alle unsere Leser, stell dich doch mal kurz vor.

»Vor zwei Jahren hatte ich mit meiner Band Die schmutzige Schönheit der Natur ziemlichen Erfolg, unter anderem wurden wir in Berlin als die Band mit dem originellsten Bandnamen der Saison gehandelt. Wir haben uns da massiv überschätzt und lange vergeblich versucht, mit Tobias Levin eine Platte aufzunehmen. Es hat nicht sein sollen, aber bei vielen Leuten ist dieser Gestus, dieses Auftreten im Kopf geblieben, unter anderem auch bei Joachim Franz Büchner, mit dem ich inzwischen  in der Band Der Bürgermeister der Nacht spiele. Und weil ich nicht nur Musik mache, sondern auch regelmäßig an der Lesereihe ‘Die Gedanken sind Blei’ im Grünen Jäger teilgenommen hab und auch früher schon Bilder ausgestellt habe, hat Joachim hat das alles auf den Begriff Superstar gebracht. Dem möchte ich mich nicht verwehren. Im Gegenteil, ich finde, das ist auf jeden Fall zutreffend und so sollte man mich auch kennen: Als Superstar.«

Du bist also Musiker, Künstler und Autor – was dürfen wir jetzt von deiner ersten Einzelausstellung erwarten?

»Alles. Wenn etwas für mein Leben bezeichnend ist, dann, dass ich mich nicht entscheiden kann. Und deswegen ist dann auch alles auf einmal da. Man wird meine Collagen, meine Malerei und eine Videoinstallation sehen können, man wird einen Auszug aus meiner neuesten Kurzgeschichte lesen und hören können, und auch meine Musik. Neben den Texten, die ich ausstelle, werden nämlich auch Der Bürgermeister der Nacht und Die schmutzige Schönheit der Natur auftreten.«

In allem, was du in »Magnificent Dreams« zeigst, geht es immer wieder um den Mythos des Superstars, um dessen Entstehung und Konstruktion. Wie sieht das konkret aus?

»Das ist zum Beispiel der Inhalt der Collagen. Da kreuze ich ein Dashiell-Hammett-Zitat mit John Coltrane und baue daraus ein völlig neues Bildwesen. Ich sehe mich da stark in der Rolle eines Weltenbauers, der Dinge zusammenfügt, die schon längst hätten zusammen sein sollen. Das, was es erschafft, sind auch alles eigene Stars und zusammengenommen bin das dann ich, wenn man das übereinander legt.«

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Analog ist besser

Dirk von Lowtzow, Rick McPhail, Arne Zank und Jan Müller

von Christian Dittloff

»Hey, jetzt bin ich alt« – mit diesen Worten beginnt das neue Album von Tocotronic. »Wie wir leben wollen« läutet ein doppeltes Jubiläum ein: Das zehnte Studioalbum im zwanzigsten Bandjahr.
Der Verweis auf das Altsein mag denjenigen überraschen, der Tocotronic noch immer für ihre jugendliche Attitüde, für das etwas zickige Beschweren und die Thematisierung junger Subkultur kennt. »So jung kommen wir nicht mehr zusammen«, »Wir kommen um uns zu beschweren«, »Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein« – das alles ist lange vorbei. »Doch«, erklärt Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow, »wir mögen es, wenn Stücke des neuen Albums in Verbindung mit ganz alten Liedern stehen und auf einmal neue Dimensionen aufgemacht werden.« Ein Gesamtwerk befindet sich nun einmal immer im Fluss, so heißt es auch in dem neuen Stück »Neutrum«: »Ich habe mehr als tausend Seiten, ich bin ein fließender Roman.« Ganz nebenbei: Kann jemand eine erfolgreiche deutsche Band der Gegenwart nennen, die auf diese Weise arbeitet? So Sonic-Youth-mäßig, mit kontrastierenden Schaffensphasen, permanenter Selbstreferenz und eigener Poetik?

Veränderung gibt es im tocotronischen Universum nicht nur im Vergleich zur frühen Phase, in der jedes zweite Songtitel mit »Ich…« begann. Auch im Vergleich zur jüngeren Vergangenheit zeugt »Wie wir leben wollen« von einem andauernden Wunsch zur Bewegung. Die letzten drei Alben werden von der Band als »Berlin-Trilogie« bezeichnet – drei Alben geprägt von Rock-Minimalismus und destruktiver Rohheit mit richtigen Gitarrenwalzen.

Auf dem neuen Album tritt an die Stelle dieser Rohheit ein artifizieller, flirrender Sound, dessen Ästhetik viel mit den Aufnahmebedingungen zu tun hat. Tocotronic-Produzent Moses Schneider hat in Erfahrung gebracht, dass in den Berliner Candy-Bomber-Studius auf dem Gelände des alten Tempelhof-Flughafens eine analoge Telefunken-T9-Vier-Spur-Tonbandmaschine aus dem Jahr 1958 zu finden ist. Und obwohl Tocotronic auf dem 1994er Debüt noch »Digital ist besser« ausriefen, nahmen sie »Wie wir leben wollen« mit Hilfe dieser analogen Rarität auf: »Wir wollten ein Album mit einer Technik aufnehmen, die zuletzt in den späten sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zum Einsatz kam«, sagt Bassist Jan Müller und Sänger Dirk von Lowtzow ergänzt: »Der Wunsch damit aufzunehmen kam auch aus dem Fantum zu den Platten dieser Zeit: Beatles, Beach Boys, die auch mit Hall und Echo, also artifiziellem Klang gearbeitet haben.«

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