Erneut ist eine Diskussion darüber aufgekommen, wie eine faire Bezahlung für MusikerInnen aussehen soll, beziehungsweise, was fair sein kann, wenn es darum geht, Menschen für etwas zu bezahlen, dass ihnen in der meisten Zeit Spaß macht. Ein Produkt zu kaufen, dessen Produktion mit viel Freude und kreativer Austoberei verbunden war. Leuten, die man nicht näher kennt, gewissermaßen das Hobby zu finanzieren. Wenn in den Kommentarspalten der Zeitungen und Blogs dieser Welt darüber gestritten wird, ob der digitale Gratiswahn zeitgemäß und folglich rechtens ist oder nicht, liegt oftmals der Gedanke nah, dass die Köpfe, die hinter MP3-Dateien stecken, vermutlich während der Fabrikation des dazugehörigen Liedes reines Glück empfanden. Das muss doch genügen. Für den privaten Spaß muss doch niemand bezahlen.

Im Zuge der Glorifizierung von Lohnarbeit sind MusikerInnen allerdings nicht die Einzigen, die ihr Tagewerk nicht fertig macht. Heute wird gern das Ziel hochgehalten, sich auf beruflicher Ebene einen persönlichen Traum zu erfüllen und das individuelle Glück zu schmieden. Wem das gelingt, der kann nach 50 Stunden Arbeit pro Woche stolz und erfüllt auf dem Sofa einschlafen ohne sich ausgebrannt zu fühlen. Sind Leute, die auf diese Weise ihren Job zum Lebensmittelpunkt machen, allesamt HedonistInnen ohne einen Sinn für Gemeinschaft und Solidarität? Als solche werden Menschen, die in Bands spielen, gern bezeichnet, wenn die Gespräche über die sterbende Musikindustrie und die Folgen für deren ProtagonistInnen laut werden. So auch in zwei aktuellen Fällen.

Cat Power (Foto: Stefano Giovannini)

Kürzlich wurde bekannt, dass Chan Marshall aka Cat Power ihre Europatour aufgrund von langer Krankheit und drohendem Bankrott gefährdet sieht. Nun scheint dies durch Abschaffung der Lichtshow behoben.  Stimmen wurden laut, die die Dimensionen der Geldnot hinterfragten. Dann entbrannte die Diskussion um den eigentlichen Grund für Chan Marshalls finanziellen Probleme: Kann sie nicht mit Geld umgehen, ist Spotify Schuld oder doch das marode Gesundheitswesen der USA? Viel kam dabei nicht rum, denn die Fakten fehlen, doch über das Gesundheitswesen wurde ausgiebig geflucht.

Grizzly Bear

Ein großes Stück mehr Aufmerksamkeit wurde kürzlich einem ellenlangen Artikel  über die Band Grizzly Bear im New York Magazine zuteil. Neben einer detailreichen Beschreibung des Witzes und des Charmes einzelner Bandmitglieder beleuchtete der Autor auch deren finanzielle Situation. Kann eine Band, deren letztes Album auf Platz 8 der amerikanischen Billboardcharts eingestiegen ist, die im Vorprogramm von Paul Simon und Radiohead gespielt hat und die 6.000 Menschen fassende Radio City Music Hall in New York ausverkauft hat, sich ein bisschen Luxus gönnen? Anscheinend nicht. Dem Artikel zufolge haben die vier Bandmitglieder meist genug zum Leben, manchmal auch weniger. Eine Krankenversicherung leisten sicht nicht alle. Nach mittelfristiger Sicherheit klingt das nicht. Hätten sie die verdient? Und welche Kriterien muss man erfüllen, um Sicherheit verdient zu haben? Welche Art von Beitrag zur Gesellschaft muss man leisten? Dazu gab es auch einen Schlagabtausch auf Stereogum.

In Deutschland gibt es die gleichen Themen, ähnliche Positionen. Der Musikmarkt und die Bedingungen für die Bands, die man unter dem Begriff Indie subsummiert, sind allerdings ganz andere. Das hiesige Gesundheitssystem hat beispielsweise seine Vorteile. Hier werden auch arme Selbstständige behandelt – jedoch bezahlen sie das eventuell mit Schulden, gesetzt dem Fall, sie sind nach 2006 bei keiner Krankenkasse registriert gewesen oder bei einer gesetzlichen rausgefallen. Doch Details mal beiseite, was bedeutet die Krise der Musikbranche hierzulande?

Ein deutsches Regisseurenteam hat sich dieser Frage angenommen, wenngleich sie zu Beginn ihrer Dreharbeiten noch nicht die Ausmaße der Änderungen kennen konnten, die nach 2002 kommen sollten.

Diese Situation bestätigt sich auch in meinem Mikrokosmos. Da gibt es: Die Clubbetreiber, die beim Konzertbooking ihrem Geschmack folgen, ermöglicht durch Einnahmen von Privatpartys. Die Konzert- und Tourneeveranstalter, die durch ihr Netzwerk bestehen, dass ständig gepflegt werden will; andere, die freiwillig und mit Freude Zeit und Geld investieren, um eine bestimmte Band in ihre Stadt zu holen; und die, die irgendwo dazwischen pendeln. Labelbetreiber, die über die Runden kommen, und andere, die sich auf ihren unterbezahlten Nebenjob verlassen müssen. MusikerInnen, für die Touren ein Luxus ist, bei dem sie draufzahlen und das als Urlaub betrachten, und andere, die erfolgreich in den USA unterwegs sind, aber regelmäßig Schulden bei FreundInnen haben. Bei den Konzerten dieser Leute gibt es durchaus beachtliche Publikumszahlen. Dennoch schrammen viele von ihnen knapp an der Armutsgrenze vorbei, oder liegen darunter, aber sind froh, dass sie weitermachen können. Der Großteil von ihnen lebt frei von staatlicher und familiärer Unterstützung. Können sie das irgendwann mal nicht mehr, wird eine Lücke entstehen, die nicht innerhalb einiger Monate fix zu füllen ist. Das zeigte schon der Aufruhr ums sogenannte »Clubsterben«.

Sollte man die Einnahmendiskussion in der Musikbranche vielleicht anders führen? Nicht um eine bestimmte Menge an Geld, die man aus messbaren Gründen verdient hat oder nicht. Sondern um eine Form von Grundsicherung, die es ermöglicht, dass ein Einsatz für die (Pop)Musik, überhaupt für irgendwelche Hobbys kein Luxus wird? Sicher, von diesem Szenario sind hierzulande viele entfernt. Doch die Palette von steigenden Mieten, unbezahlten Praktika und unterbezahlten Minijobs als Berufseinstieg (oder auch als langfristige Beschäftigung) malt kein erträgliches Zukunftsbild. Welche Kriterien erfüllen die Menschen, die in derlei Arbeitsverhältnissen leben, dass sie mit ihrer Arbeit keine Sicherheit verdienen? Und ganz ehrlich – warum sollen ebendiese für im Internet frei verfügbare Musik bezahlen, wenn sie sich davon auch mal eine Monatskarte für den ÖPNV, eine Ladung Gemüse oder zwei Abende bei Konzerten und in Clubs plus ein paar Getränke leisten können?

Vielleicht wäre es eine Idee, den Musikmarkt nicht als alleinstehende Branche mit bröckliger Zukunft anzusehen, sondern als Teil gesamtgesellschaftlicher Prozesse, und das Diskursfeld neu zu erschließen. Beiträge erwünscht.

Unsere Gastautorin Luise ist mit ihrer Ankunft in Berlin im Fegefeuer zwischen Projektorganisation, Bandbooking und Musikjournalismus gelandet. Immer unterwegs um keine der stadtbewegenden Konzerte, Filme, Neueröffnungen und all der Dinge dazwischen zu verpassen, berichtet sie seit Juli 2011 für Affekt vom Kulturleben in der Hauptstadt und über deren Grenzen hinaus.

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1 Kommentar

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  1. Sehr schöne Kolumne, ich möchte in diesem Rahmen auch einen Gedanken ausformulieren, der mich in Bezug darauf beschäftigt:

    Auch wenn es abgedroschen und einfach dahergesagt klingt, so ist es einfach wichtig, nochmal zu erwähnen, dass das Aussterben der Musikbranche, wie wir sie kennen, nun einmal der frei verfügbaren Verbreitung und der teils unerlaubten Vervielfältigung des Mediums zuzuschreiben ist. Die Frage ist, ob diese Lücke, die dadurch entsteht, nicht auch die Geburt von etwas Neuem einläuten kann.

    Ist es möglich, die Kunstform “Musik” in ein Gewand zu packen, dass sie wieder einen vermarktbaren Selbstwert hat? Erfolgreiche Musik ist heutzutage ja eher ein Nebenprodukt des jeweiligen Lebensstils. Musik wird von den meisten Leuten nicht mehr “einfach so” gehört, sie ist ein Hintergrundgeräusch im Leben des Mittelmaßes. Die Leute, welche sich jedoch mit normaler MP3-Qualität nicht immer zufrieden geben, sind dann oft selbst Musiker. Geht man zu Konzerten? Sicher, aber nicht so sehr, dass das Haus immer voll wird. Etablierte Acts verkaufen ihre Alben in teuren Packages und Special Editions mit allerlei “Goodies”, um dem Fan dann einen legitimen Anreiz zum Kauf ihrer Musik zu bieten. Tatsache ist, dass das einfache Kaufen und Hören von Musik (im Sinne von: Ich kaufe eine CD, und höre sie mir zu Hause in guter Tonqualität an) mehr und mehr zu einer Nische wird, die der Markt immerhin noch gut genug bedient.

    All dies ist aber keine pseudo-intellektuelle Hasstirade gegen die Lebenswirklichkeit von heute. Unser Leben hat sich verändert, doch der Mensch ist Mensch geblieben, und die Kunst ist genauso stark wie früher.

    Dass junge Bands kein Geld verdienen und trotzdem Musik machen, ist ein klares Zeichen dafür, wie viel dieser Stärke die Kunst an sich besitzt, und das ist auch ein Aspekt, der mich dazu bringt, die schwierige Situation des Musikmarktes nicht als Untergangsszenario, sondern als Wandlungssymptom zu sehen. Vielleicht sehen wir bald eine noch stärkere Verlagerung in Richtung Live-Performance? Oder wir heißen die Musik als Teil eines größeren Kunstwerkes wie Film oder Theater noch mehr willkommen, ohne sie dabei in irgendeiner Weise hinunterzustufen? Was wurde mit Musik eigentlich alles schon auf der Bühne gemacht? Einiges, aber da geht bestimmt noch mehr.

    Als nicht-verdienender Musiker bin ich zuversichtlich. Lasst den Wandel passieren. :)