Untote Bilder

Bela Lugosi in »White Zombie«

Vor gar nicht allzu langer Zeit war ich im Dienstagskino, einer neuen Filmreihe im Hamburger B-Movie-Kino, bei der, oh là là, Filmkopien aus Privatbesitz gezeigt werden, was natürlich eine ziemlich heiße Sache ist. Gegeben wurde an jenem Abend eine versehrte 16mm-Kopie von »White Zombie« (1932) mit Bela Lugosi. Die Kopie selbst war aus den 60ern und musste vom Kurator der Reihe mühevoll in einen vorführfähigen Zustand gebracht werden – doch wie es dann so ist bei einer vielgeschauten Kopie mit locker fünfzig Jahren Abspielerfahrung: das Schwarz ist eher grau, das Weiß auch, das Bild ist übersät mit Kratzern und der Ton hat natürlich ebenso gelitten. Kurz gesagt: Hi Folks, listen up, the time is speaking.

Aber hier soll es gar nicht um »White Zombie« gehen. Obwohl der Film in genau jene spannende Zeit fällt, als der Tonfilm übernommen hatte, aber der Stummfilm noch nicht ganz vergessen war. Und so wird viel dummes Zeug geredet, denn es musste ja sein, und in den besten Momenten die Schnauze gehalten, denn das war, was sie eigentlich konnten. Aber um »White Zombie« soll es ja gar nicht gehen.
Stattdessen – denn es liegt halt grad in der Luft – um die Allgegenwart der Digitalisierung: Sie holt beständig auf, ich bin kein Filmvorführer mehr und an den schlechter gelaunten Tagen fühlt es sich an, als wäre es der elende Werwolf Gmork, der diese Aufholjagd betreibt – die Digitalisierung ist somit das Nichts, so attraktiv wie endgültig; es bedroht unser Kino-Phantásien und immer größere Teile dieses Reichs verschwinden einfach. Doch: Vor den Sümpfen der Traurigkeit soll man sich hüten, denn dort ist es, wo Gmork mich, also Atréju, fast erwischt. Zumindest im Film.

Gmork, der Digitalisierer

An jenem Dienstagabend im B-Movie also, eben jenem Abend vor gar nicht allzu langer Zeit, ging es für mich eindeutig um die Lebendigkeit, die in einem analogen Filmbild verborgen ist und die erst durch die Zeit, über viele Jahre hinweg, sichtbar gemacht werden kann. Das ganze Geflacker und Gesprengsel, die Schrammen, der Dreck, die Risse und Schäden beschäftigen Augen und Hirn – es gibt viel zu gucken, selbst wenn nicht viel passiert. Aus einem tief sitzenden Instinkt heraus freuen sich unsere Rezeptoren über das Überangebot an Bildinformationen, dem Gewackel und Geschrammel, dem kontinuierlichen Zuviel, das dann doch nicht überfordert.
Auf der anderen Seite: Gib mir Plasma, gib mir Baby-Blu-ray, gib mir Dolby 32.1, gib mir 4K, gib mir 3D und DCP, und lasst die kindliche Kaiserin doch verrecken in ihrem Elfenbeinturm.

Der Elfenbeinturm a.k.a. »Mount Analogue«

Natürlich erfreut sich Filmmaterial gerade aufgrund seines Endes an einer kultähnlichen Aufmerksamkeit, und so kratze ich mich auch etwas ratlos am Kopf, wenn die Kinos ihre 35mm-Projektoren zum Schrottplatz bringen. Es braucht nicht gerade unternehmerische Genialität, um sich auszurechnen, dass solch eine Maschine über kurz oder lang ein Alleinstellungsmerkmal im kinematografischen Abspielgewerbe darstellen wird und sich aus der Spezialisierung Kapital schlagen lassen wird.

Denn der Mensch pflegt ja seine Nostalgie. Wenn auch auf etwas umständliche Weise. Dazu gehört das Dienstagskino im B-Movie oder eine Berliner Blaxploitation-Reihe ebenso wie Nolans IMAX-Obsession. Tacita Deans Interpretation des »Mount Analogue« in der Tate Modern genauso wie die neue »The Passion of Joan of Arc«-Blu-ray. Gerade in einer Blu-ray manifestiert sich das schizophrene Verhältnis, welches das Digitale zum Analogen einnimmt. Das Digitale tritt als Erlöserfigur auf, die versucht, in immer höheraufgelösten Transfers neue alte Wahrheiten aus dem Filmmaterial zu kitzeln – wohlgemerkt in Zusammenhang mit einem tiefen Misstrauen gegenüber dem eigentlichen Körper des Filmbilds, denn bloß die digitale Wahrheitsmaschine kann sehen machen, wie Film WIRKLICH aussieht. Und es werden immer wieder neue Stufen der Wahrheit hinzu kommen: die neueste hört auf den verheißungsvollen Namen »Higher Frame Rate«.

Mount Analogue aka »Der Elfenbeinturm« in Tacita Deans »Film«

Alles woran ich am Dienstagabend denken konnte, eben jenem Abend im B-Movie vor gar nicht allzu langer Zeit als Bela Lugosi über die Leinwand flackerte, waren Worte von Tacita Dean, die in der Nummer 13 der »Cargo« bemerkt hat:

»Die Filmindustrie setzt alles daran, uns glauben zu lassen, dass digital besser als Film ist. Die Verteilung der Pixels ist inzwischen sehr hoch, aber am Ende geht es um einen körperlichen Effekt. Der Körper reagiert darauf, und es ist ein Faktum, dass ich [bei einer digitalen im Gegensatz zu einer analogen Projektion, Anm. von J.-E. M.] stärker gelangweilt bin.«

Ich glaube, dass wir die Gefahr einer analogen Projektion spüren. Jeden Moment könnte ein falsches Bild auftauchen, der Film reißen, Bela Lugosi und seine Zombies einen Kopsibolter machen und verglühen. Natürlich gehen wir davon aus, dass das nicht passiert, aber der Körper des analogen Bildes kommuniziert sich immer mit. Und die bloße Existenz eines Körpers trägt die Möglichkeit seiner Verletzung stets mit sich herum. Auch wenn er noch unversehrt ist (wie eine kopierwerkfrische Premieren-Filmkopie oder ein Baby zum Beispiel), die Gefahr ist trotzdem (auch manchmal gerade umso mehr, denn der erste Kratzer schmerzt am meisten) da. Und das hat nichts mit Indexikalität zu tun.

Diese Gefährlichkeit fehlt der digitalen, der körperlosen Projektion. Wenn die digitale Projektion so sicher und bequem wie Kondom und E-Mail ist, dann ist die analoge so kühn wie die wundgescheuerten Eier eines Pony-Express-Reiters, der in the name of love unterwegs ist. Es gibt in der digitalen Projektion kein Zuviel, alles was sich überträgt, ist totale Kontrolle; die Fähigkeit, ein und denselben Moment immer und immer wieder abzurufen, unveränderbar. Da ist nichts, das irgendetwas ausgesetzt wird, nichts Gewagtes, kein Leben, aber auch kein Tod. Es sind untote Bilder, die anders als wir, ihre Betrachter, von Versehrtheit nichts wissen.

R.I.P.

Unser Gastautor Jan-Eike schreibt über Film und Filme, unter anderem für das OPAK-Magazin. Affekt bereichert er seit Juli mit einer monatlichen Kolumne zum Thema.

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